Monika von Boch

In der Natur suche ich die Ordnung

13. Januar 2023 – 4. März 2023

Eröffnung

13. Januar 2023 - 19:00 Uhr

Einführung

Dr. Andreas Bayer, Direktor, Laboratorium - Institut für aktuelle Kunst im Saarland

English version below

1960 kaufte das Museum of Modern Art in New York zwei Landschaftsfotografien von ihr: Monika von Boch gehörte da bereits zu den wichtigen Fotokünstler*innen der Nachkriegszeit, die im Rückgriff auf das „Neue Sehen“ und die Bauhaus-Fotografie der 1920er und -30er Jahre den Fokus auf das künstlerische Potenzial des Mediums legte. Von Boch studierte an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken in der Klasse von Otto Steinert und hatte wie er einen wesentlichen Anteil an der Erneuerung einer gestalterischen und experimentellen Fotografie.
Die Saarländische Galerie in Berlin zeigt in Kooperation mit dem Laboratorium – Institut für aktuelle Kunst im Saarland eine repräsentative Auswahl aus ihren Arbeiten der 1950er bis 1970er Jahre.

“Wie kann durch Weglassen, von für mich Unwesentlichem, das Wesentliche sichtbar werden?” Diese Frage von Bochs, die Paul Klees „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ von 1920 aufgreift, ist für ihr gestalterisches Konzept zentral. Es liegt den abstrakten Arbeiten, aber auch den gegenständlichen Natur- und Landschaftsfotografien zugrunde.

Fotografien, denen wir Unmittelbarkeit und exakte Realitätswiedergabe zuschreiben, zeigen nicht etwa ein zufälliges, getreues Abbild der Wirklichkeit sondern stellen einen Ausschnitt dar, der immer auch ein subjektives Zu-sehen-Geben ist. Die Perspektive ist dabei von zentraler Bedeutung, sie schließt die weiteren Gestaltungsmöglichkeiten wie Licht und Kontrast mit ein. Durch die Wahl des Ausschnitts und des Lichteinfalls werden einzelne Aspekte weggelassen (abstrahiert), andere betont. Bei der Aufnahme eines Fichtenwalds etwa interessiert es die Künstlerin nicht, die Baumkronen zu zeigen, oder, dass sie in unterschiedlichen Abständen voneinander entfernt stehen. Ihre Perspektive auf die Fichten gibt uns eine rhythmisch geordnete, stark plastisch wirkende Struktur aus langen vertikalen Röhren (Stämme) und kurzen schrägen Verstrebungen (Äste) zu sehen.

Seit Ende der 1950er Jahre beschäftigte sich Monika von Boch zunehmend mit einer Reduzierung der Mittel ihrer Fotografie. Sie experimentierte mit den Möglichkeiten einer „Fotografie ohne Kamera“: Sie setzte Manipulationen der chemischen Entwicklung ein, um Tonwerte zu verändern oder umzukehren, nutzte die Sandwich-Montage von zwei Negativen, um zu neuen Strukturen zu gelangen. In ihren Pflanzenfotogrammen transformierte sie Licht in abstrakte Kompositionen: Die Belichtung verwandelt die direkt auf das Fotopapier gelegten Pflanzenelemente im Kontaktverfahren in abstrakte Strukturen. In dieser Zeit beginnt auch die Arbeit an ihrer großangelegten „Weißblech-Serie“. Ausgangspunkt ist die Aufnahme eines Blechstapels in der Dillinger Hütte. Aus der strengen Abfolge horizontaler Linien entstehen in immer weiter verfremdenden Schritten – Montage zweier Negative, immense Vergrößerungen, Tonwertumkehrungen – schließlich ungegenständliche, organisch anmutende Formen. Der gestalterische Eingriff der Künstlerin macht auch hier eine Ordnung sichtbar: die organische, die in der technischen enthalten ist.

Biografie

Monika von Boch (1915 – 93), betreute zunächst Bibliothek, Archiv und Garten des Keramikherstellers Villeroy & Boch und war als Amateurfotografin tätig. Von 1950 bis 1957 besuchte sie die Abendkurse (später die regulären Kurse) von Otto Steinert (1915 – 78) an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken. Im Jahr 1954 nahm sie an der zweiten Ausstellung „subjektive fotografie“ teil. Von 1952 bis 1963 arbeitete sie als Werksfotografin bei Villeroy & Boch. Beeinflusst von Steinert, dessen Schüler Kilian Breier und der Künstlervereinigung „neue gruppe saar“, deren Mitglied sie war, wandte sie sich seit Ende der 1950er Jahre experimentellen Techniken wie der kameralosen Fotografie zu. Bis 1980 war sie als freischaffende Fotokünstlerin tätig, danach arbeitete sie mit Zeichnung und Keramik.

Einzelausstellungen (Auswahl)

1964 Österreichische Staatsdruckerei, Wien; Joanneum, Graz; Werkkunstschule, Trier; 1968 Städtisches Museum Trier; Deutsches Kulturinstitut, Tunis; 1969 Deutsches Kulturinstitut, Algier; Deutsches Kulturinstitut, Casablanca; Deutsches Kulturinstitut, Rabat; 1974 Deutsches Kulturinstitut, Vichy; Institut Max von Laue – Pasul Langerin, Grenoble; 1982/83 „Monika von Boch. Das fotografische Werk 1950- 1980“, München, Nancy, Saarbrücken, Mainz; 1988 „Monika von Boch – Rétrospective“, Musée de la Photographie, Charleroi; 1992/93 „Monika von Boch. Fotografie“, Saarlandmuseum Saarbrücken; 1997 „Monika von Boch. Die Natur des Abstrakten“, Saarlandmuseum Saarbrücken; 2003 „Monika von Boch“, Museum Schloss Fellenberg, Merzig; 2005 „Themenwechsel“- Monika von Bochs Fotografien aus Algerien, Saarlandmuseum, Landesgalerie, Saarbrücken

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

1954 „Salon of Photography“, Stockholm; „subjektive fotografie 2“, Saarbrücken; „Steinert und Schüler“, Buenos Aires, Stockholm, Barcelona; 1955 „Steinert und Schüler“, Brüssel; 1956 „Gestalterische Photografie – Otto Steinert und Schüler“, Institut für Neue Technische Form, Darmstadt; „Photokina“ Köln; 1960 „Ungegenständliche Photografie“, Gewerbemuseum Basel; 3. Biennale internazionale della fotografia „Fotografi della nuova Generazione“, Pescara; 1961 Salon International du Portrait Photographique, Bibliothèque Nationale, Paris; neue gruppe saar, Zimmertheater Tübingen; 1962 „Nouvelles Voies de la photographie“, Musée de l‘ État Luxemburg; 1964 Weltausstellung der Fotografie, Helmhaus Zürich; 1965 neue gruppe saar, Kultusministerium Saarbrücken; 1970 „Fotografinnen“ Folkwang Museum Essen; neue gruppe saar, Bürgermeister Ludwig Reichert Haus, Ludwigshafen; 1973 Subjektive Fotografie – Monika von Boch. Deutsches Kulturinstitut, Lyon; 1977 Künstlerische Fotografie, Moderne Galerie des Saarlandmuseums, Saarbrücken; 1981 „Sammlung Steinert“, Fotografische Sammlung Museum Folkwang, Essen; 1989 „Subjektive Fotografie – der deutsche Beitrag 1948-1963“, Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart; „Sommerausstellung ’89“, Mia-Münster-Haus St. Wendel; 1990/91 „Otto Steinert und Schüler“, Museum Folkwang, Essen; 2002 „Subjektive Fotografie 1948-1959. Otto Steinerts Schüler in Saarbrücken“, Museum Haus Ludwig, Saarlouis; 2003 „Subjektive Fotografie 1948-1959. Otto Steinerts Schüler in Saarbrücken“, Oberhausen; „Monika von Boch und ihre Freunde“, Museum Schloß Fellenberg, Merzig; 2006 „Themenwechsel – Industriefotografien“, „Themenwechsel – Paris – Bilder einer Stadt“, „Themenwechsel – Portraitfotografie“, Landesgalerie Saarlandmuseum, Saarbrücken; 2009 „Gebanntes Licht – Die Fotografie im Saarlandmuseum von 1844 bis 1995“, Moderne Galerie Saarlandmuseum, Saarbrücken; „Arbeiten auf Papier – konkret“, Galerie St. Johann, Saarbrücken; 2021 „Ortswechsel. Fotografie aus der Modernen Galerie – Saarbrücken“, Schauwerk Sindelfingen; 2022 „Thinking Structures. Monika von Boch, Jo Enzweiler, Vera Molnar“, Leibniz-Zentrum für Informatik, Schloss Dagstuhl

Monika von Boch – “I Seek Order in Nature”

The Museum of Modern Art in New York bought two of her landscapes in 1960. Monika von Boch, who perpetuated the New Vision and Bauhaus traditions of the 1920s and ’30s by focussing on the artistic potential of her medium, already ranked among the leading post-war photographers. Von Boch studied in Saarbrücken at the Staatliche Schule für Kunst und Handwerk (State School of Arts and Crafts), in Otto Steinert’s class; and, like him, she had a major hand in revitalising creative and experimental photography.

The Saarländische Galerie in Berlin, in cooperation with the Laboratorium – Institut für aktuelle Kunst im Saarland (Laboratory – Institute of Contemporary Art in Saarland), now presents a representative selection of her work from the period 1950 to 1970. In addition, on February 17, it will host the workshop launch of “how to: Spiele zur Kunst,” an edutainment app based on interactive games that invites art fans to explore exemplary works by Monika von Boch, inter alia.

How can leaving out all that I consider inessential make visible what is essential?” This question of Von Bochs, which echoes Paul Klee’s statement of 1920, that “Art does not reproduce the visible, rather, it makes [things] visible,” is pivotal to her artistic concept. It is the fundament of her abstract works as well as of her figurative nature and landscape photography.

Photographs, to which we ascribe immediacy and a precise reflection of reality, actually do not depict chance slices of life but excerpts, rather – and ones that always attest a subjective choice of motif. The perspective is thereby of paramount importance, in fusion with further creative tools, such as light and contrast. The choice both of frame and the play of light serves to render abstract certain aspects of the motif while emphasizing others. Von Boch, when shooting a forest of spruce, say, was not interested in showing the tree tops or their irregular distance from one another. Instead, her view of the firs presents us with a rhythmically ordered and starkly sculptural structure composed of long vertical tubes (the trunks) and short, oblique struts (the branches).

From the late 1950s, Monika von Boch sought increasingly to reduce the range and number of her photographic tools. Thus, she experimented with the potential of “camera-less photography,” manipulating chemical effects in order to modify or reverse tonal values, or using a sandwich-style montage of negatives to create novel structures. In her photograms of vegetation, she used light to paint abstract compositions, laying parts of plants directly on photo paper before briefly exposing it to fix this “creative contact”. In the same period, she began work on her ambitious “tin plate series.” The point of departure was a stack of tin sheets at the Dillinger Hütte, a plate-rolling mill in Saarland. A rigorous sequence of horizontal lines was subjected to ever-greater degrees of abstraction – by sandwiched negatives, massive enlargement, or tone reversal – so as to coax from it non-figurative and seemingly organic forms. Here, too, the artist’s creative intervention brought a new order to light: the organic order inherent in the technological one.

Biography

Monika von Boch (1915–1993) initially looked after the library, archive and garden of the ceramics manufacturer Villeroy & Boch, and pursued amateur photography. From 1950 to 1957 she attended the evening courses (and later, the regular courses) of Otto Steinert (1915–78) at the State School of Arts and Crafts in Saarbrücken. In 1954 she took part in the second “subjective photography” exhibition. From 1952 to 1963 she worked as in-house photographer at Villeroy & Boch. Under the influence of Steinert, his student Kilian Breier, and the “neue gruppe saar” artists’ association, of which she was a member, she turned in the late 1950s to experimental techniques, such as camera-less photography. She worked as a freelance photographic artist until 1980, and subsequently with drawing and ceramics.