Peter und Luise Hager-Preis 2020

Glaube

12. März 2020 – 17. April 2020

Eröffnung

12. März 2020 - 19:00 Uhr

Grußwort

BEGRÜSSUNG Dr. Bernhard Lohr, Vorsitzender des Vereins Saarländische Galerie – Europäisches Kunstforum; GRUSSWORT Susanne Trockle, Vorstand, Peter und Luise Hager-Stiftung

Einführung

Gespräch in der Ausstellung mit den Künstler*innen, moderiert von Prof. Dr. Matthias Winzen, Hochschule der Bildenden Künste, Saarbrücken

GLAUBE – PETER UND LUISE HAGER-PREIS 2020
mit Arbeiten von Julia Gerhards, Léo Himburg, Tanja Huberti, Tim Jungmann, Mario Maurer, Jonathan Maus, Kollektiv Maria Pauer, Johanna Schlegel, Anica Seidel, Antonia Stakenkötter, Luise Talbot

Glaube – ein „großes Wort“, ein abstrakter Begriff, ein Wort mit einem sehr weiten Bedeutungsfeld: Die Studierenden der HBKSaar haben sich der Herausforderung, die von dem diesjährigen Thema des Peter und Luise Hager-Preises ausgeht, mit großer Offenheit gestellt.

Der Glaube, erklärt der Duden, ist eine „gefühlsmäßige, nicht von Beweisen, Fakten o. Ä. bestimmte unbedingte Gewissheit, Überzeugung“. Der Glaube bezeichnet demnach eine Grundhaltung des Vertrauens – ob in religiöser oder politischer Hinsicht oder in Bezug auf das, was wir wahrnehmen.

Forschungen zur Wahrnehmung haben gezeigt, in welch hohem Maß unsere vermeintlich objektive Wahrnehmung eine subjektive Konstruktion ist. Sie hängt davon ab, was wir denken, was wir uns vorstellen, was wir uns wünschen, was wir erwarten und was wir bereits erfahren haben.

Können wir glauben, was wir sehen?

Das Video „Whiteout“ von Johanna Schlegel (3. Preis) zeigt Fotos, die allmählich vor unseren Augen verschwinden. Es löst unseren Glauben, dass ein Foto einen Moment, eine Person für immer „festhält“, in einer Flüssigkeit buchstäblich auf. Mario Maurers „Körperbild II“ führt Abdrucke von Körpern durch Fragmentierung und nachträgliche Montage in abstrakte, vieldeutige Formen über. Was sehen wir: den Körper von innen oder von außen? Teile von einem Rücken oder der Brust? Einen männlichen oder einen weiblichen Körper? Von außen betrachtet, scheint der „Schwarze Würfel“ von Jonathan Maus im Innern einen dunklen Leerraum zu verbergen. Schauen wir neugierig hinein, sehen wir uns selbst beim Schauen zu. Auf den weißen Bildern von Julia Gerhards sieht man „Schnee“, das legt der Titel nahe. Schnee ist ein biblisches Symbol für zugedeckte Sünden (Jesaja 1,8a). Liegen unter den weißen Farbschichten Darstellungen der sieben Todsünden verborgen?

An was glauben wir?

An das Glück oder an die Nation? An Gott, die Kirche und ihre Rituale? Den Weihnachtsmann? An die Machbarkeit, an den Konsum? An Kleider, ein Gewand, eine Uniform?

Tim Jungmann (1. Preis) lässt das Sinnlose und Vergebliche einer strategisch geplanten Suche nach Glück physisch erlebbar werden. Seine Arbeit „Glück“ versammelt 50 gelesene Exemplare von Glücks-Ratgebern auf einem unerreichbar hoch angebrachten Regalbrett. Vom Glauben, das Unerreichbare erreichen zu können, erzählt der LinolschnittAscension et Chute“ von Léo Himburg. Immer höher zu fliegen war der Wunsch von Ikarus. Er ist ins Meer gestürzt, weil er sich überschätzt hatte und an die Unbegrenztheit seiner eigenen Ressourcen glaubte.  Maria Pauer (2. Preis), ein Künstlerinnenkollektiv, „untergräbt“ mit der multimedialen Installation Aktion 1: Minus 18 Meter“ den aus Stein gemauerten Glauben an die Nation eines Denkmals im Teufelsmoor. Das Kollektiv schlägt vor, für den 18 m hohen „Niedersachsenstein“ (1922) eine ebenfalls 18 m tiefe Grube zu graben. Das Loch spiegelt die steinerne Erhebung als Umkehrung, als Infragestellung. Die unscharfen Erinnerungsbilder der Konfirmanden inCloud 1 (Konfirmanden)“ von Tanja Huberti führen vor, wie ein persönliches, bewusstes „Ja“ zum christlichen Glauben in der Konfirmation zu einem strengen, einengenden Ritual mit festgelegten Regeln für Kleidung und Haltung werden konnte. Beim Durchblättern von Antonia Stakenkötters fotografischer SammlungKing Koka“ begegnen wir immer wieder der Gestalt des Coca-Cola Weihnachtsmanns. In einer Form, in der Figuren aus dem christlichen Glaubens-Ritual heute häufig überleben: Sie sind zur Ware geworden. Zu bestaunen sind zahlreiche Varianten des Weihnachtsmanns zwischen vorweihnachtlichem Kletteraffen und aufblasbarer Vorgarten-Deko. Die Serie „Tra$h & Ca$h“ von Anica Seidel bedient sich der traditionellen Gattung des Stilllebens, um Figuren aus der antiken Mythologie (Dionysos, Hebe, Ikarus und Sisyphos) über Attribute aus der Konsumwelt ins Bild zu setzen. Statt üppiger Blumen, perfekter Früchte und wertvollem Glas und Porzellan werden hier Produkte aus Billig-Discountern in Öl auf Holz gebannt. „Vertrau mir“ nennt Luise Talbot ihre großformatige Darstellung eines Kleidungsstücks, das wie eine Mischung aus Mönchskutte und Zaubererumhang aussieht. Kleidung kann uns Vertrauen oder Angst einflößen. Eine Mönchskutte vermittelt etwas Anderes als ein Arztkittel, eine Militäruniform – oder ein Zaubererumhang. Unheimlicherweise scheint der Umhang, der über die verspielten Mond- und Sternmotive und die ernsthafte Schlichtheit der Kutte widersprüchliche Botschaften aussendet, eine menschliche Figur als „Leerstelle“ zu umschließen.

Mit dem Peter und Luise Hager-Preis der Hochschule der Bildenden Künste Saar werden  studentische Arbeiten und Positionen ausgezeichnet, die künstlerisch und gestalterisch hochwertig die sinnliche Erfahrbarkeit und Vermittlung von technischen, sozialen und kulturellen Prozessen thematisieren.
Aufgabenstellung der aktuellen Wettbewerbsausschreibung war die künstlerische und gestalterische Auseinandersetzung mit dem Thema „Glaube“. Die Medien, mit denen das Thema dargestellt oder behandelt werden konnte, waren dabei für die Studierenden frei wählbar.