Ulrike Rosenbach

Alte Bilder - Neue Szenen

22. Oktober 2009 – 6. Dezember 2009

Eröffnung

22. Oktober 2009 - 19:00 Uhr

Einführung

Dr. Stephan von Wiese, Berlin

++++++ 1) Pressetext  +++++  2) Text der Einführungsrede von Dr. Stephan von Wiese, Berlin

Ulrike Rosenbach zeigt in einem der historischen Galerieräume eine neue Installation, die auf die charakteristische Raumgestaltung im Palais am Festungsgraben eingehen wird. In die weiteren Räume der Galerie, von denen ein weiterer ebenfalls neu gestaltet wird, ist eine konzentrierte Auswahl älterer Videoarbeiten »eingezogen«.

Ulrike Rosenbach ist eine der international renommieren deutschen Videokünstlerinnen. Sie gehört zu der ersten Künstlergeneration, die die spezifischen künstlerischen Ausdrucks-möglichkeiten dieses Mediums wahrnahm, gezielt einsetzte und weiter entwickelte. Zur Vermittlung ihrer Aktionen in medialer Form arbeitete sie mit der Videokamera im »closed circuit«-Verfahren, d.h. mit zeitgleicher Bildwiedergabe. Die Performance und die Video-Aufzeichnung der Performance waren im künstlerischen Rang gleichwertig.
Seit den frühen 1970er Jahren hat sie ein in sich kohärentes medienübergreifendes Werk an Videoarbeiten, Performances, Installationen, Fotografien und Zeichnungen entwickelt. Im Zentrum ihrer Arbeiten steht die Auseinandersetzung mit der Stellung des Subjekts im gesellschaftlichen Kontext. Immer wieder hat sie Kritik an tradierten Weiblichkeitsbildern geübt und versucht, ein anderes Selbstverständnis aus feministischer Sicht zu definieren. Heute liegt der Fokus ihres künstlerischen und politischen Interesses auf dem Zusammenhang von Mensch, Geist und Natur, in einer Zeit, in der die damit verbundenen Werte zu schwinden drohen.

Von 1989 bis 2007 war Ulrike Rosenbach Professorin für Medienkunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, sie lehrte an europäischen und amerikanischen Kunstinstituten u. a. am California Institute of Arts (CAL Arts), Los Angeles. Die zweifache „documenta“ –Teilnehmerin (1977 und 1987) wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1996 mit dem Kunstpreis des Saarlandes und 2004 mit dem Gabriele-Münter-Preis.

Stephan von Wiese: Einführung

Die Ausstellung in der Saarländischen Galerie gibt einen akzentuierten Einblick über ein weit gespanntes künstlerisches Werk in einer Zeitspanne von 35 Jahren. Ulrike Rosenbach bewegt sich als Pionierin der Medienkunst zwischen Video, Video-Live-Aktion, Video-Installation, Fotografie und Zeichnung – die Arbeit mit Neuen Medien war aber nicht nur eine Frage der Technik, sie ging einher mit der Erschließung neuer Themenfelder. Fesseln und Festlegungen wurden und werden bewußt gemacht, Klischees gebrochen – und weiter noch: es wurde und wird das – häufig gestörte – Verhältnis von Natur und Gesellschaft visualisiert.

Ulrike Rosenbachs Berliner Ausstellung setzt ein mit einer weniger bekannten, markanten frühen Video-Live-Aktion: Isolation is transparent, 1974 für die Räume der Performancegalerie 112 Green Street in New York konzipiert und nur ein einziges Mal, noch im selben Jahr, im Kölner Studio Oppenheim wiederholt. Dieses Initialwerk wird hier erstmals in Form einer Video-Skulptur gezeigt. Sie besteht aus dem objekthaft anmutenden runden Fernsehgerät – hier ist die einstündige Aktion von 1974 als Video zu sehen – , aus einer Farbfotografie des New Yorker Environments und – als Relikt der Aktion – aus dem originalen weißen Seil-Objekt, dem Vehikel der Aktion/Performance.

Mit dem neuesten Werk, das direkt für die Veranstaltung konzipiert wurde, endet die Ausstellung, nämlich mit der Raum-Medien-Installation Blütengenerator. Sie wurde durch die gemalte Kassettendecke in diesem Raum des Palais inspiriert. Durch schnelle Drehungen wird eine der gemalten Rosetten auf der Videoprojektion wie ein Rad in Bewegung gesetzt. Dazu erklingt suggestiv ein sich permanent wiederholender, scheppernder elektronischer Sound, dessen Klang ebenfalls an das Drehen eines Rades erinnern mag. Dieses rotierende Rad erscheint wie ein maschineller Vorgang, man denkt unwillkürlich auch an das Objekt mit der rotierenden Spirale bei Marcel Duchamp. Generiert wird ein künstliches abstraktes Raumornament. Ein weiter Weg ist seit der frühesten Performance vor Publikum von 1973, der Naturkreisaktion, durchlaufen. Damals hatte sich die kniende Künstlerin einen zeltförmigen weißen Stoff übergezogen, so daß dieser einen – unbewegten – Kreis bildete, der mit alchemistischen Grundformeln versehen war. Am Ende der sehr poetischen Aktion, die Dennis Oppenheim mit einem 16mm Film festhielt, erhob sich die Künstlerin, es zeigte sich, daß der weiße Stoff wie ein Käfig mehrere Vögel verborgen gehalten hatte.

Damit sind zwei Pole der Werkentwicklung innerhalb der Medienkunst von Ulrike Rosenbach abgesteckt, die beide auf dem selben Motiv – dem Kreis – aufbauen.

Die Ausstellung hier in Berlin aktualisiert Segmente, Themenkomplexen des Werks durch mehrere Raumcollagen. Themen sind Mythos, Feminismus, Natur, das Ich, die Gesellschaft in verschiedenster Konstellation. Immer wieder tritt – wie angeführt – der Kreis als Grundmotiv in Erscheinung. Dieses Symbol läuft wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Bei der rotierenden Rosette im ersten Raum ist das Motiv durch buchstäbliches Kreisen, das an eine permanente Tanzdrehung erinnern mag, bis zur Schwindelbewegung gesteigert. Der Kreis erscheint auf ganz andere Weise in der frühen Video-Installation Isolation is transparent in Form eines aus einem weißen Seil gewobenen großen Netzes. In den achtziger Jahren begegnen wir ihm auf andere Weise bei den aktionistischen Zeichnungen zu den Video-Live-Aktionen Judofrauen haben als Hilfe Boten (1981, Moltkerei in Köln) und Wie ein Phönix aus der Asche (1989, Art Gallery of Ontario in Toronto) – der übrigens letzten Video-Live-Aktion im Werk – und noch einmal bei Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau (1982, Schwarzes Kloster in Freiburg). Hier überschattet auf dem zugehörigen Video eine große schwarze Scheibe wie bei einer Verfinsterung immer wieder das Antlitz der Künstlerin.

Einem größeren Publikum bekannt geworden ist Ulrike Rosenbach durch die Video-Live-Aktion Glauben Sie nicht daß ich eine Amazone bin von 1975 auf der Pariser Biennale des Jeunes. Sie schoß damals mit dem Bogen 15 Pfeile auf eine Zielscheibe – also wiederum auf ein Kreis-Motiv – aus Stroh und Metall, bestückt mit einer Reproduktion des mittelalterlichen Andachtsbildes von Stephan Lochner Thronende Madonna im Rosenhag, das so immer wieder durchbohrt wurde. Auf einem im Closed circuit-Verfahren hergestellten Video-Bild wurde das Madonnenantlitz von Aufnahmen des Gesichts der Künstlerin bei der Aktion überblendet – die Provokation war zugleich eine Verletzung und Herausforderung des Selbstbildnisses. Am Ende der Aktion schrieb Ulrike Rosenbach spontan an eine Ausstellungswand: »Ceci est une pièce d’art féministe« (Dies ist ein Stück feministischer Kunst). Diese Aktion wird gemeinhin als frühestes Beispiel der feministischen Video-Live-Aktionen von Ulrike Rosenbach dargestellt.

Daß dies zu korrigieren ist, zeigt die hier präsentierte zwei Jahre ältere Arbeit Isolation is transparent, zu der der Komponist Konrad Schnitzler – auch er ein ehemaliger Student aus der Klasse Beuys in Düsseldorf – den Sound, elektronische Klänge, die an den Rhythmus heftiger Pulsschläge denken lassen, vorproduzierte. Die Aktion erschien in zeitlupenhafter Langsamkeit wie in die Länge gedehnt – jeder Aktionismus war herausgehalten. Die Künstlerin spannte weiße Seile radial an die Außenwände und band die anderen Endstücke um ihren Körper. Die Videokamera an der Decke vermittelte das Bild eines Spinnennetzes, in das sich die Protagonistin immer mehr einwob. Nach etwa einer Stunde befreite sie sich mit einem Messer aus dem Gefängnis des Netzes. Die direkt in New York konzipierte Aktion machte die isolierte Position der Künstlerin in dieser sonst komplett männlich besetzten Veranstaltung der Avantgarde Video-Performance – auch Vito Acconci, Joseph Beuys, Chris Burden, Dennis Oppenheim, Richard Serra und Keith Sonnier, Willoughby Sharp und William Wegman agierten hier – offensichtlich und war darüber hinaus auch eine Metapher für die Stellung der Künstlerin in der Gesellschaft. Am Rande erwähnt sei, daß die New Yorker Installation auch als eindrucksvolle große Raumskulptur gesehen werden kann und daß eine zweite ähnliche Aktion mit einem Netz-Objekt, Meine Macht ist meine Ohnmacht, ursprünglich 1978 im Kunstmuseum Düsseldorf gezeigt, wiederum als skulpturale Videoinstallation hier in Berlin letztes Jahr in der Ausstellung der Akademie der Künste: re.act.feminism. Performancekunst der 1960er und 70er Jahre heute zu sehen war. Hier wurde der weitere historische Kontext der Performance- und Videokunst von Ulrike Rosenbach gut beschrieben.

In den beiden mittleren Räumen werden Fotos, Collagen und Zeichnungen aus den beiden Aktionen/Performances Judofrauen haben als Hilfe Boten von 1981 und Wie ein Phönix aus der Asche von 1989 Seite an Seite gestellt. Es wurde nun weniger mit rituellen Objekten hantiert, sondern vor allem mit spontanen Zeichnungsprozessen gearbeitet – es reflektierte sich hier ganz offensichtlich das Jahrzehnt der Malerei, das die 1980er Jahre darstellten. Die Aktionen vollzogen sich wie eine écriture automatique in wie rauschhaft erscheinenden Handlungsabläufen. Der dionysische Kult, der Derwischtanz , die spirituelle Transformation, die Alchemie, die Rituale der Naturreligionen erlebten als Themenkomplexe Einzug ins Werk. Inneres Wissen des Körpers wurde nach außen gekehrt. Die scheinbar unkontrolliert ablaufenden Handlungsstränge führten im Ergebnis zu dechiffrierbaren symbolischen Formen wie: Bäume, Tiere, Engel, Feuer, Kreise. Wenn man diese späteren Aktionen neben die aktiven Befreiungsperformances der 1970er Jahre stellt – von Isolation is transparent über Glauben Sie nicht daß ich eine Amazone bin über Zehntausend Jahre habe ich geschlafen bis zu Meine Macht ist meine Ohnmacht – so ist nun eine starke Verinnerlichung festzustellen.

So setzt sich Wie ein Phönix aus der Asche mit dem Willen zur inneren Veränderung und Erneuerung auseinander. In einem Derwischtanz mit verbundenen Augen werden zu Sphärenmusik und esoterischen Klangfeldern alchemistische Prozesse wie das Schmelzen oder vulkanische Explosionen von Feuer Lava energetisch beschworen. Judofrauen haben als Hilfe Boten visualisiert im Zeichnungsprozeß des Erwachsen eines großen Baumsymbols. Auch hier begegnen wir mehrfach wieder dem Kreismotiv, dessen Symbolik und Verbindung zu Naturritualen Ulrike Rosenbach hervorgehoben hat, der Kreis sei das Symbol für das Leben auf der Erde: »Eine alte Bedeutung für das Leben hat der Kreis, rund wie die Erde selbst, und in sich die Bedeutung des immer wiederkehrenden Kreislaufes der Natur mit einschließend. In vielen Kulturen findet sich die ausführliche Betonung des Kreisrituals mit dem Mittelpunkt, der nicht selten als Baum dargestellt ist.«

Der letzte Raum ist der Aktion/Performance Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau von 1982 und dessen Themenkomplex, weibliche Kreativität, gewidmet. Hier mischen sich Bilder über Wandlungen des Archetypus der Frau, viele sind angstbesetzt, als dunkle Frau, Hexe, Zauberin und gleichzeitig als Mächtige, als Künstlerin. Lars van Trier hat – am Rande vermerkt – dieses Thema kürzlich in seinem Film Der Antichrist auf völlig andere Weise behandelt. Auf der Videoarbeit von Ulrike Rosenbach verschwindet das Gesicht der Künstlerin mehr und mehr hinter einer großen schwarzen Scheibe – Bild der Melancholie.

„Weiblichen Energieaustausch“ hat Ulrike Rosenbach ihre kritische Hinterfragung von Rollenbildern und Klischees über lange Zeitspannen, weite Räume hinweg bezeichnet. Möge von dieser Ausstellung ein weiterer kräftiger Impuls ausgehen.