Women Life Freedom

Homa Emami, Parastou Forouhar, Samira Hodaei, Simin Keramati, Roshi Rouzbehani, Jinoos Taghizadeh

14. Juni 2024 – 3. August 2024

Eröffnung

14. Juni 2024 - 19:00 Uhr

Einführung

Dr. Mona Stocker, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

English version below

+ + + Am Eröffnungstag, 14.6.2024: Performance von/ by Homa Emami  + + + Am 13.7.2024, 18 Uhr: Maryam Palizban liest „Gestohlene Liebesbriefe“ und eigene Gedichte aus „Die verwaisten Lücken“ und Auszüge aus dem „Revolution Diary“ von Jinoos Taghizadeh. / On 13.7.2024, 6 pm: Maryam Palizban reads ‘Stolen Love Letters’ and her own poems from ‘The Orphaned Gaps’ and excerpts from the ‘Revolution Diary’ by Jinoos Taghizadeh. + + +

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von sechs Künstlerinnen aus dem Iran: Homa Emami, Parastou Forouhar, Samira Hodaei, Simin Keramati, Roshi Rouzbehani und Jinoos Taghizadeh. Das Saarlandmuseum in Saarbrücken hatte die Ausstellung als Zeichen der Solidarität mit der aktuellen iranischen Bewegung „Women Life Freedom“, in der Frauen mutig für ein selbstbestimmtes und freies Leben kämpfen, in sein Programm aufgenommen. Nun wird die Ausstellung in leicht veränderter Form in der Saarländischen Galerie in Berlin zu sehen sein.

Der gewaltsame Tod von Zhina Mahsa Amini im September 2022 hat im Iran und weltweit eine Lawine des Protestes ausgelöst. Die 22 Jahre alte Frau war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Haar nicht vorschriftsgemäß unter dem Hijab getragen hatte. In Polizeigewahrsam wurde Mahsa Amini so misshandelt, dass sie wenige Tage später starb. Seit April 2024 hat die Regierung des Iran die gewaltsame Unterdrückung der Frauen noch einmal verschärft. Gemäß einer Anordnung des Führers Ayatollah Ali Chamenei weitet die „Sittenpolizei“ ihre Patrouillen aus. Frauen, die sich weigern, ein Kopftuch zu tragen, berichten von Belästigungen, Übergriffen und Verhaftungen.

Gezeigt werden jüngste Positionen von international tätigen, aus dem Iran stammenden Künstlerinnen, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen mussten und derzeit in unterschiedlichen Ländern der Welt leben und arbeiten. Die Prints, Videos, Installationen und Objekte wurden in Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation geschaffen und sind größtenteils erstmals öffentlich zu sehen.

Homa Emami wurde 1955 in Shahabad Gharb – Islamabad (Iran) geboren, seit 1986 ist sie in Deutschland. Sie lebt und arbeitet in Köln und Brühl. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Heimat“ bildet einen Schwerpunkt im Werk der Bildhauerin und Malerin. In dem Objekt „Rüstung des Widerstands“, 2023, arbeitet sie mit Ringen aus abgeschnittenem Frauenhaar: einem vergänglichen, zarten und durch die jüngsten Proteste symbolisch stark aufgeladenen Material. In „Dokumente der Zeit“, 2023, greift sie auf archivalische und wissenschaftliche Ordnungssysteme zurück. Haarsträhnen, die Frauen sich demonstrativ bei Protestaktionen abgeschnitten haben, werden sortiert und datiert und überdauern in Homa Emamis künstlerischer Forschungstätigkeit als zeitgeschichtliche Zeugnisse.

Parastou Forouhar wurde 1962 in Teheran geboren, seit 1991 lebt und arbeitet sie in Deutschland. Sie war Professorin für Bildende Kunst an der Kunsthochschule Mainz der Johannes-Gutenberg-Universität. Ihre Eltern – Vertreter der politischen Opposition – wurden 1998 in ihrem Haus in Teheran im Auftrag des Geheimdienstes ermordet. Jedes Jahr reist Parastou Forouhar zum Jahrestag ihres Todes nach Teheran, um eine Gedenkveranstaltung zu organisieren und die Aufklärung der politischen Morde im Iran einzufordern. Für die Ausstellung hat die Konzeptkünstlerin und Aktivistin eine Serie von neuen Prints gestaltet. In „Papillon Collection II“ löst die buntflächige ornamentale Schönheit Unbehagen und Brisanz aus. Bei näherer Betrachtung verwandeln sich die scheinbar ornamentalen Muster in reale Szenen von Unterdrückung, Aufstand und Ausgeliefertsein – ein Spiegel der prekären und lebensbedrohlichen Situation, der aktuell besonders Frauen unter den verschärften Bedingungen im Iran ausgesetzt sind.

Samira Hodaei, geboren 1981 in Teheran, lebt und arbeitet in Berlin. In ihren Arbeiten vereinigt sie Alltagsobjekte mit Malerei. Die Arbeit „An Empty Sofreh“, 2022, wurde in Saarbrücken erstmals gezeigt. Für diese „leeren Tischtücher“, die an den Nahrungsmittelmangel in ihrer Heimat erinnern, nutzt die Künstlerin präparierte Stoffbahnen, die in Handarbeit mit Mustern bedruckt, bei Musterfehlern aber aussortiert werden. Die Ausschussware gestaltet sie mit dicht gesetzten Punkten aus Glasfarbe.

Simin Keramati wurde 1970 in Teheran geboren. Sie lebt und arbeitet in Toronto. In ihren multidisziplinären künstlerischen Projekten mit Malerei, Zeichnung, Video- und Medienkunst beschäftigt sie sich besonders mit sozial-politischen Themen. In Berlin präsentiert sie die Videoarbeit „The edge of the cloud“ (2018/19). Es ist eine Geschichte über Kriegsopfer und wie Menschen auf der ganzen Welt in den sozialen Medien darauf reagieren. Die Geschichte wird von einer fiktiven Person erzählt, die als Figur auf dem meistgelikten Foto von „Ailan Kurdi“ basiert, der auf der Flucht vor dem Krieg in seinem Heimatland im Meer ertrank. Das Foto erhielt die meisten Reaktionen in den sozialen Medien und wurde damals tausendfach geteilt. Die Geschichte bringt Erinnerungen an Kriege aus allen Zeiten zusammen, einschließlich einiger Erinnerungen der Künstlerin an den Iran-Irak-Krieg.

Roshi Rouzbehani wurde 1985 in Teheran geboren. Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Illustratorin in London. Sie ist für Zeitungen („The New Yorker“, „The Guardian“, „The WashingtonPost “, „Die Zeit“), aber auch für Amnesty International tätig. Sie ist Illustratorin und Autorin des Bandes „50 inspiring Iranian Women“. In ihren Grafiken – Porträts und inhaltlichen Statements – widmet sie sich sozialen Belangen. Engagiert setzt sie sich für Geschlechtergerechtigkeit ein. Die Ermächtigung von Frauen –„women’s empowerment“ – steht im Zentrum ihrer Arbeit. Ihre Werke sind auf klare Les- und Erkennbarkeit hin komponiert, die flächige und bunte Gestaltung ist ornamental inspiriert. Zentrale Gesten und Momente bestimmen ihre Motive, in denen sie iranische Bildtradition und westliche Plakatgestaltung verbindet.

Jinoos Taghizadeh, geboren 1971, stammt aus Teheran. Derzeit lebt und arbeitet sie in Kanada. Die multimedial arbeitende Künstlerin, Geschichtenerzählerin und Aktivistin ist ausgebildete Bildhauerin und literarische Dramatikerin, Malerin, Druckgraphikerin, Performerin und Videokünstlerin. Sie sprengt immer wieder Grenzen der traditionellen Kunst und stellt sich der Herausforderung politischer Themen. Ihre Serie von Drucken spielt mit solchen Grenzerweiterungen, die surreal anmuten. Sie bringt gestrandete Wale in Zusammenhang mit Kulissen iranischer Sehenswürdigkeiten. Die großen Meerestiere liegen auf menschenleeren Plätzen, vor Moscheen in Isfahan oder dem Theater und der Universität von Teheran.

Dr. Maryam Palizban ist Theaterwissenschaftlerin, Autorin, Schauspielerin und Regisseurin. Interdisziplinarität in Bezug auf „Religion und Kultur“ ist für Palizban ein zentrales Element ihrer Forschung. Das Spannungsfeld zwischen „Religion und Kunst“, „Kulturtheorie des modernen Islam“ und „Performativität und Textualität“ gehört zu den wichtigen Themen ihrer mehrsprachigen Publikationen, Vorträge und Lehrtätigkeit. In ihrer Heimat Iran ist sie als Filmschauspielerin durch Filme wie Deep Breath, Fat Shaker und LANTOURI sowie als Dichterin bekannt geworden. Maryam Palizban lebt seit 2005 in Berlin und arbeitet als Wissenschaftlerin und Künstlerin in Berlin und  (bis vor kurzem) in Teheran. Sie organisierte interdisziplinäre Kolloquiumsreihen zu den Themen „Körper und Körperlichkeit“ und „Frau, Körper und Revolution“ und präsentierte damit das Zentrum für Islamische Theologie in Münster als innovativen Diskussionsraum. Ihre jüngste Publikation „Den Körper verstehen und vergessen – Interdisziplinäre Ansätze“ beschäftigt sich interdisziplinär mit der Frage nach der Körperlichkeit des Menschen. 2023 beteiligte sie sich durch die Veröffentlichung eines Bildes ohne Kopftuch an den Protesten der Jina-Revolution  und engagiert sich seitdem in verschiedenen oppositionellen feministischen Netzwerken.

Ausstellung in Kooperation mit dem Saarlandmuseum, Saarbrücken. Die Ausstellung wird unterstützt vom Goethe Institut im Exil und der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf

Women Life Freedom The Saarländische Galerie in Berlin is showing works by six artists from Iran: Homa Emami, Parastou Forouhar, Samira Hodaei, Simin Keramati, Roshi Rouzbehani and Jinoos Taghizadeh. The Saarland Museum in Saarbrücken had included the exhibition in its programme as a sign of solidarity with the current Iranian movement ‚Women Life Freedom‘, in which women are courageously fighting for a self-determined and free life. The exhibition will now be shown in a slightly modified form at the Saarländische Galerie in Berlin.

The violent death of Zhina Mahsa Amini in September 2002 triggered an avalanche of protests in Iran and around the world. The 22-year-old had been arrested by the morality police for not wearing her hair under her hijab as required. While in police custody, Mahsa Amini was mistreated to such an extent that she died a few days later. Since April 2024, the Iranian government has stepped up its violent repression of women. On the orders of Supreme Leader Ayatollah Ali Khamenei, the ‚morality police‘ have stepped up their patrols. Women who refuse to wear headscarves report harassment, assault and arrest.

The exhibition features recent works by international artists from Iran who were forced to leave their homeland for political reasons and now live and work in various countries around the world. The prints, videos, installations and objects were created in response to the current situation and are mostly being shown publicly for the first time.

Homa Emami was born in 1955 in Shahabad Gharb – Islamabad (Iran) and has lived in Germany since 1986. She lives and works in Cologne and Brühl. Her work as a sculptor and painter focuses on the theme of ‚home‘. In the object ‚Armour of Resistance‘, 2023, she works with rings made of cut women’s hair: a perishable, delicate material that has been symbolically charged by the recent protests.

Parastou Forouhar was born in Tehran in 1962 and has lived and worked in Germany since 1991. She was a professor of fine arts at the Johannes Gutenberg University in Mainz. Her parents – members of the political opposition – were assassinated in their Tehran home in 1998 on the orders of the secret service. Every year on the anniversary of their deaths, Parastou Forouhar travels to Tehran to organise a memorial event and to call for the investigation of political murders in Iran. The conceptual artist and activist has created a series of new prints for the exhibition. In ‚Papillon Collection II‘, the colourful, ornamental beauty creates a sense of unease and explosiveness. On closer inspection, the seemingly ornamental patterns are transformed into real scenes of oppression, rebellion and vulnerability – a reflection of the precarious and life-threatening situation that women in particular are currently facing under the aggravated conditions in Iran.

Samira Hodaei was born in Tehran in 1981 and lives and works in Berlin. Her work combines everyday objects with painting. The work ‚An Empty Sofreh‘, 2022, was shown for the first time in Saarbrücken. For these ‚empty tablecloths‘, which are reminiscent of the food shortages in her homeland, the artist uses prepared lengths of fabric that have been hand-printed with patterns, but which are discarded if there are any pattern errors. She decorates the rejects with densely packed dots of glass paint.

Simin Keramati was born in Tehran in 1970. She lives and works in Toronto. In her multidisciplinary artistic projects, which include painting, drawing, video and media art, she is particularly concerned with socio-political issues. In Berlin, she presents the video work ‚The edge of the cloud‘ (2018/19). It is a story about war victims and how people around the world react to them on social media. The story is told by a fictional character based on the most liked photo of ‚Aylan Kurdi‘, who drowned at sea while fleeing war in his home country. The photo received the most reactions on social media at the time and was shared thousands of times. The story brings together memories of wars from all times, including some of the artist’s memories of the Iran-Iraq war.

Roshi Rouzbehani was born in Tehran in 1985. She lives and works as a freelance illustrator in London. She works for newspapers (‚The New Yorker‘, ‚The Guardian‘, ‚The WashingtonPost‘, ‚Die Zeit‘) as well as for Amnesty International. She is an illustrator and author of the book ’50 Inspiring Iranian Women‘. Her graphics – portraits and statements – are dedicated to social issues. She is a committed advocate of gender equality. The empowerment of women is at the heart of her work. Her works are composed for clear legibility and recognisability, the flat and colourful design is ornamentally inspired. Central gestures and moments determine her motifs, in which she combines Iranian pictorial tradition and Western poster design.

Jinoos Taghizadeh was born in 1971 in Tehran. She currently lives and works in Canada. A multimedia artist, storyteller and activist, she is a trained sculptor and literary playwright, painter, printmaker, performer and video artist. She is passionate about breaking down the established boundaries of traditional art and challenging art and taking on political issues. Her series of prints play with such stretching of boundaries that they seem surreal. She juxtaposes stranded whales with backdrops of Iranian landmarks. The large sea creatures lie in deserted squares, in front of mosques in Isfahan or the theatre and university in Tehran.

Dr Maryam Palizban is a theatre scholar, writer, actress and director. Interdisciplinarity in relation to ‚religion and culture‘ is a central element of Palizban’s research. The tensions between ‚religion and art‘, ‚cultural theory of modern Islam‘ and ‚performativity and textuality‘ are among the major themes of her multilingual publications, lectures and teaching activities. In her native Iran, she is known as an actress in films such as Deep Breath, Fat Shaker and LANTOURI, and as a poet. Maryam Palizban has lived in Berlin since 2005 and works as a researcher and artist in Berlin and (until recently) in Tehran. She has organised interdisciplinary colloquium series on ‚Body and Corporeality‘ and ‚Woman, Body and Revolution‘, presenting the Centre for Islamic Theology in Münster as an innovative space for discussion. Her most recent publication, ‚Understanding and Forgetting the Body – Interdisciplinary Approaches‘, takes an interdisciplinary approach to the question of human corporeality. In 2023, she participated in the protests of the Jina Revolution by publishing an image without a headscarf and has since been involved in various oppositional feminist networks.

Exhibition in cooperation with the Saarlandmuseum, Saarbrücken. The exhibition is supported by the „Goethe Institut im Exil“ and the „Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf “